Schöne neue Welt- vom Verlust und Finden unseres Geschmacks(sinnes)

"Wir kaufen dort, wo es günstig ist." Na fesch. Ein sehr interessanter Artikel aus der Jubiläumsausgabe der österreichischen Textilzeitung und andere kleine Begebenheiten aus der letzten Zeit haben mich bewogen, wieder einmal das Thema Geschmack zu denken.
Wir ÖsterreicherInnen bevorzugen also billige Marken, sind treue KundInnen und laufen den Trends um Jahre hinterher. Marken wie KIK, Adler, C&A, Eduscho, Hofer und bei den Jüngeren H&M, Orsay und wie sie alle heißen mögen, führen die Hitlisten an. Da gelten dann Esprit, Benetton und ähnliches im mittleren Modesegment als "gehobene Preisklasse".....

Ist es uns egal, wie sich der Stoff unseres Kleidungsstückes angreift? Wie es verarbeitet ist? Wo es gemacht wurde und unter welchen Bedingungen? Den meisten ist es wirklich egal, das haben meine Erfahrungen gezeigt. Wie sollen sich da wir DesignerInnen mit Anspruch an Ästhetik, Material, Aussage und ähnlichem einordnen? Es gibt natürlich bewußter lebende, sensiblere Menschen mit Geld und dem Wunsch, dieses auch für schöne Dinge auszugeben.
Und letzten Endes ist es auch egal, ob man von Mode oder von Lebensmitteln, Autos oder Hausbauen spricht. Überall wird der gute Geschmack dem finanziellen Aspekt immer wieder geopfert, sei es, um Geld zu sparen, weil man keines hat oder sei es, um sich noch mehr kaufen zu können, als eigentlich nötig. Ob die billige Wandfarbe, Lebensmittel vom Hofer, die Schuhe vom billigen Schuhladen, so kann man auch leben. Fragt sich nur, um wieviel wohler das Gefühl wäre, wenn es die guten bequemen Schuhe aus feinem Leder und gutem Fußbett sein dürfen oder der weiche Pullover aus Ökobaumwolle oder das gute Brot aus dem Bioladen. Natürlich kann man sich quantitativ weniger Dinge leisten, doch wie positiver ist das Gefühl, sich und seiner Umwelt etwas Gutes zu tun? Ich kann meinen Körper mit billigem Essen abfüllen und ihn mit guten Lebensmitteln pflegen. Und die äußere Erscheinung würde sich auch über persönlichere Kleidung freuen.

Stimmt es nachdenklich, wenn es genügend AkademikerInnen gibt, die genauso wenig Geschmack wie schlechter ausgebildete Menschen mit kleineren Geldbeuteln haben? Denen es genau so nur um möglichst günstige Produkte geht, obwohl sie sich hochwertigere leisten könnten?
Als oftmalige Käuferin in Bioläden, wenn es der Geldbeutel gerade zulässt, sehe ich mir die anderen KundInnen gerne an- es sind Menschen, die oft auch nicht mehr Geld haben. Junge Mütter mit ihren Kindern, ältere Frauen, Dreadlocksmenschen und natürlich auch "geldige" Leute. Das heißt, das der große Bioboom in Österreich eigentlich oft von Menschen getragen wird, die sich das im landläufigen Sinne gar nicht leisten könnten.

Liegt es dann an den Prioritäten, die Menschen haben? Der eine braucht ein großes Auto und kauft beim LIDL, die andere fährt mit der alten Karre zum Bioladen oder doch mit dem Rad.
Wie stellt sich die Situation im Bereich der Mode dar? Nun, daß es mittlerweile sehr einheitliche Strassenbilder in Metropolen oder kleineren Städten gibt, weiß man. In den größeren Städten haben DesignerInnen sicher bessere Karten, auch die Menschen abseits der Masse für sich zu gewinnen. Wenn ich an die Fülle der kleinen, interessanten Modeläden in Wien und jetzt soagr in Linz denke, hat sich da sehr viel getan und es wird auch gekauft. Es tut sich also was. Diverse Zusammenschlüsse von DesignerInnen, Kooperationen, Plattformen helfen auf jeden Fall sich gemeinsam stark zu machen und nach außen sichtbar zu sein. Es tut immer gut, sich mit Geichgesinnten auszutauschen, und dann auch die eigene Mode zu verkaufen ist besonders super. Schließlich lebt man ja davon.

Ob Milchbauern, Modedesigner oder Ökoinitiativen, sie alle haben mehr gemeinsam als sie glauben. Ihnen allen geht es um die eigenständigen, bewußter lebenden Menschen, die den Wert von Produkten nicht nur am Preis ablesen.

Übung Nummer 1 für Menschen, die wieder mehr Geschmack in ihr Leben lassen wollen: Einfach am nächsten "tollen Angebot" vorbei gehen. Sich was Gescheites kaufen oder-sehr revolutionär-selber machen!
Weitere Übungen folgen!

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