Karen Duve- Anständig essen- meine Empfehlung für ein besseres Leben

Dieses Buch schlägt in die Magengrube. Die bekannte Autorin Karen Duve nahm sich vor,  für jeweils 2 Monate biologisch, dann vegetarisch,  vegan und frutarisch  zu leben. 

 

Karen Duves ungeschönter Blick auf die tatsächlichen Zustände in der FleischMilchindustrie dreht einem den Magen um. Wie in der Textilindustrie, wo wir die schuftenden, schwitzenden Frauen vor den Nähmaschinen nicht sehen müssen, die unsere billige Mode nähen- sehen wir auch die Hühner, die Kälber, die Puten, die Schweine nicht, deren Fleisch wir abgepackt im Supermarkt kaufen.

 
 
 
Küken, die in sonnenlichtlosen Hallen ausgesetzt , innerhalb von rund einem Monat bis zu 40 Tagen zu essfertigen Hendln gemästet werden . 40 Tage für ein Hühnerleben. Ein gemästeter Teenie, künstlich gewachsen. Wir essen dieses Fleisch, wenn wir die "Landhendl", die Grilltassen kaufen. Diese Hühner würden nicht länger leben können, weil ihre Beine dieses Gewicht nicht halten könnten. Sie würden ihnen wegknicken. Dieses Fleisch essen wir, ohne darüber nachzudenken, wie es möglich ist, Hühnerfleisch um wenige Euro pro Kilo zu kaufen.
So gehts. Wie bei den 4,95 Euro-Shirts bei H&M.
  
so sehen sie aus, unsere Hendl- mit gestutzten Schnäbeln(ohne Narkose) um sich nicht gegenseitig zu picken und die Federn auszurupfen- funktioniert nicht- wie man sieht
In schnoddrigem Ton geht die Autorin sehr hart mit sich ins Gericht, beschreibt ungeschönt ihre bisherige Ernährungsweise, ihre Lust auf Grillhühnchen,Fertigprodukte, ihren Colakonsum, ihre gesundheitlichen Probleme. Auf der anderen Seite fügt sie in kleinen Geschichten ihre Liebe zu ihren Haustieren ein. Ein bekanntes Phänomen:
Die Unterscheidung zwischen Haustier und Nutztier. 
Wer darf mehr Liebe erhalten?

Wer erkennt sich  nicht in ihrer Beschreibung?

Wen plagen nicht selbst diverse Zipperleins, die durch Fehlernährung bedingt sind. Wer hat sich nicht schon selbst gefragt, was es mit dem billigen Fleisch ("Qualfleisch", so Karen Duve) auf sich hat? Obwohl es auf dem Griller so gut schmeckt. Und warum man Milch nicht verträgt. Und warum man sich nicht wirklich wohl fühlt.


Besonders  erhellend ist Duves Zurechtrücken unseres Verhältnisses zu Tieren und Pflanzen. Wir grenzen uns von anderen Spezies ab. "Mach Dir die Erde untertan, Tiere haben keine Seele...." diese und ähnliche Aussagen finden sich in der Bibel.  Christliche Nächstenliebe ? Sorry, only for Homo sapiens. Tiere haben keine Seele, kommen folglich nicht in den Himmel und sind deswegen minderwertige Kreaturen. Gefühle? Tier doch nicht. Dabei sind wir Menschen selbst Säugetiere, weiter entwickelte Affen, die es nicht einmal auf die höchste Gen-Anzahl schaffen. Reis besitzt 50.00, wir Menschen bringen es auf 25.000, ein gewöhnlicher Fadenwurm hat 19.000. Der Mensch ist ein Tier.
so wäre es schön, ist es aber meist nicht

Etwas, das uns ähnlich ist, würden wir mit mehr Respekt behandeln, so ihre Schlußfolgerung. Aber so- wenn wir Tiere nicht als unsere nächsten Verwandten betrachten, mit denen wir etliche Gene gemeinsam haben - können wir sie ausnutzen, wie es uns passt.  Zudem: Auch Pflanzen haben Gefühle. Wie können wir damit umgehen?

 
Karen Duve wirft auf  von Lobbys forcierte Meinungen in den Medien, in  der Politik ein helles Licht. Was Fleisch- und Milchkonsum betrifft. Alleine die Tasache, daß etwa 75% der Weltbevölkerung Milch nicht verträgt, daß Finnland der größte Milchkonsument und gleichzeitig das Land mit der höchsten Osteoporoserate ist, sollte einem doch zu denken geben.  Milch macht Osteoporose. Was ist Kuhmilch? Babynahrung für das Kalb. Kein Lebensmittel für Menschen. Wenn wir uns Milch im Geschäft kaufen, konnte das nur funktionieren, daß  einer Kuh das Kalb weggenommen wurde, damit wir deren Milch trinken können. Kühe produzieren nicht freiwillig Milch für uns. Sie wird ihr weggenommen. Steht ihr ganzes Leben im Stall, sieht keine Wiese. Würden wir so leben wollen?


Befreiend an diesem Buch  ist die dahinter liegende Aussage. Das Unbehagen, das in einem rumort, das Mitleid mit den Tieren, die für unsere Fleischgier und mehr sterben müssen, ist eine Stärke.

Keine Schwäche. Gerade am Land in nächster Nähe zu Bauernhöfen, wo das Schlachten Usus ist, kann man schnell als "Weichei" hingestellt werden. Verlacht werden. Wenn mein kleiner Sohn sagt: "Ich esse kein Fleisch, ich will kein Tier totmachen"- kann ich es ihm verdenken? Übliche Aussagen wie:"Du Weichei, ja wo kämen wir da hin, wenn wir das Töten nicht könnten? Na, dann darfst Du auch keinen Speck mehr essen," treffen.

Wenn wir unser Fleisch, sprich das Tier, selbst erlegen müssten, würde unser Fleischkonsum rapide zurückgehen. Was  angesichts des Klimawandels revolutionär positiv wäre. Bedenkt man, daß man für 1kg Rindfleisch etwa 9 kg Soja/Getreide braucht, dann müsste es doch dem verstocktesten Homo sapiens-Säugetier-Fleischfresser  klar sein, daß wir lieber selbst Getreide essen sollten. Und nicht Grasfresser wie Kühe damit mästen sollten. Soja wird  in Südamerika angebaut, bevorzugt wird dabei Regenwald gerodet!  Wenn man Menschen nicht von der ethischen Komponente überzeugen kann, geht es vielleicht mit der klimatischen.

Der letzte Schritt von Karen Duve: Frutarisch leben.  So zu leben ist der Gipfel der Gewaltlosigkeit -und schwer zu erklimmen. Oder doch nicht? Man darf nur das essen, was eine Pflanze freiwillig hergibt.

Jonathan Safran Foer und Karen Duve anläßlich ihrer Lesereise in Wien, Zürich und Berlin, Jan. 2011
Und und und. Diese Buch lässt sich flüssig lesen, man lebt mit der Autorin und ihrem Selbstversuch mit. Beschreibt sie die Art, wie  Nutztiere gequält werden,muß man  allerdings  schlucken. Gestutzte Hühnerschnäbel -ohne Narkose, Hühner ohne Federn, zu Tode gepickt. Eine nicht unerhebliche Anzahl an Schweinen und Kühen,  die beim Schlachten  nicht  gleich tot ist, sodaß sie ihre Schlachtung  live miterleben müssen. Daß Gänse lebendig(!)  gerupft werden für unsere Bettfedern, schreit zum Himmel.  Diese Schmerzen!   Dabei erlittene Verletzungen werden mit einer groben Nadel ohne Betäubung zugenäht. Und für die Desinfektion tut es auch ein Industriereiniger. Brennt schön. Linktipp!
 

Karen Duve sieht sich selbst nach ihren Erfahrungen als bewußte Esserin.  Die bevorzugt regionale biologische Lebensmittel kauft. Und vegetarisch leben will. Die Eier von ihren eigenen Hühnern isst. Die Verantwortung für ihr Handeln übernimmt. Sie fühlt sich "reiner" , gesünder und befreiter endlich für sich Stellung bezogen zu haben.

Mein Wunsch/mein Weg: 
-daß sich viele dieses Buch kaufen, 
-es lesen
-weiterleihen
- für sich und den eigenen Konsum bewußt Stellung beziehen
-sich fragen: was kann ich für mich/für meine Familie verantworten?  
-darüber reden
-Regional einkaufen bei Landwirten des Vertrauens, biologisch, 
-Fleisch- und Milchprodukte drastisch reduzieren
-Gemüse anbauen, alleine oder im Kollektiv
-weniger konsumieren
- sich zusammentun mit Gleischgesinnten


Vielleicht wird es ja Trend sich anständig zu benehmen- auch beim Essen. Und- falls jemand sagt: "Ma, da kann ich ja gar nichts mehr essen"- das stimmt einfach nicht. Und übrigens, Karen Duves Gesundheitswerte waren am Ende ihrer "Kur" sensationell gut, sie war fitter und schlanker. Falls alle obigen Argumente nicht wirken sollten :-)


Karen Duve: "Anständig essen. Ein Selbstversuch", Verlag Galiani 2010, 280 Seiten, 19,50 Euro, ISBN 978-3869710280.

Einen Aspekt möchte ich gesondert betrachten: Das Verhältnis der veganen Lebensweise und ihr Bezug zu Kleidung. Da gibt es einige Punkte, die nicht mit Ökomode zusammenpassen.






Kommentare

Mami Made It hat gesagt…
Danke für die Rezension! Ganz toll und hochinteressant!
LG
Petra

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