Das war die Green Expo Wien- Ein Kommentar

Auf meine Einladung hin hat lebenskleidung- Mastermind Enrico Rima einen Kommentar zur Wiener Messe Green Expo verfasst, die ich aus Urlaubsgründen verpasst habe: Vorhang auf!


Die „Top Down Ansatz“ Messe

Ein Green Expo Bericht von Enrico Rima (Lebenskleidung Berlin)

Vom 24.06 – 26.06 fand in Wien auf dem historischen Heldenplatz die Green Expo statt. Laut Veranstalter „die erste grüne Zukunftsmesse Österreichs“.

CharLe Berlin- Gründerin Mandy Geddert mit Models und Moderator Dieter Chmelar

Da es mein erster intensiver Kontakt mit der österreichischen Bio-Szene war, musste ich mich natürlich vorbereiten.

Schritt eins: Vorbereitung auf die Messe
Zeitungsrecherche im Standard aus Wien und ein paar Restaurantbesuche

In Österreich gibt es 20.000 Biobauern, die bereits nach ökologischen und nachhaltigen Kriterien wirtschaften. Damit sind die Österreicher mit 11% Bioanteil auf der Gesamtackerfläche Spitze in Europa! Zum Vergleich: in Deutschland wirtschaften nur rund 33.000 Betriebe (ca. 6%) ökologisch und nachhaltig.
Der hohe Bioanteil ist mir vor allem in den Restaurants aufgefallen. Die Menüs wurden dort auffällig oft in Bioqualität und/oder mit einem sehr regionalen Bezug angeboten und die jeweiligen Produzenten  hinten auf der Karte mit aufgeführt. Vorbildlich transparent und sehr lecker. Danach muss man in Berlin schon etwas mehr schauen und recherchieren.

Die Messefakten:

In den ersten drei Tagen wurden laut Veranstalter 55.000 BesucherInnen gezählt. Die Zahl finde ich sehr optimistisch, aber sollte dem so gewesen sein, ein schöner Erfolg.

Die Messe selbst eine Mischung aus Information, Erlebniswelt und Entertainment (vor allem der großen Firmen).

Die Veranstalter:

Georg Kindel, ehemaliger Society-Berichterstatter beim Boulevardblatt „News“ und nun als Eventorganisator in Österreich bekannt und scheinbar bestens vernetzt mit der Wiener Wirtschaftskammer.
Seine Gattin Christina Zappella-Kindel, Geschäftsführerin der Prima Vista Consulting und PR Agentur, die sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert hat und die als Organisator der Messe auftrat. Alles also aus einer Hand!

Die Messe selbst:
Eines der Highlights: Footprint.at-rechne Deinen eigenen Fußabdruck aus

Der Heldenplatz war exklusiv und prominent gewählt. Beim Blick ins Programm wurden Hintergrund und Netzwerk der Veranstalter deutlich sichtbar. Große Kochshows mit prominenten Köchen Österreichs auf einer extra Bühne, gesponsert von der großen Supermarkt Biokette „Ja Natürlich“! Mehr oder weniger prominente Moderatoren/innen die sich in irgendeiner entfernten Form mit nachhaltigen Themen beschäftigen und Gäste zu verschiedenen Themen interviewten. Naja. Das ist natürlich nur mein subjektives  Gefühl, ich bitte um Nachsicht bei meinen österreichischen Freunden, falls ich etwas falsch dargestellt haben sollte.


Ein Highlight bei den regelmäßig stattfindenden Talks auf der großen Hauptbühne war hier auf jeden Fall Prof. Dr. Braungart, dem ich einen so guten Humor gepaart mit seinem unstrittig umfassenden Wissen gar nicht zugetraut hätte. Ich habe mich jedenfalls über seine Anekdoten köstlich amüsiert und  drei Seiten neue Faktenblätter angelegt.
Dr. Braungart spricht über neue Produkte
Sein Credo lautet: Wir müssen alle Produkte nochmal neu erfinden, denn es macht keinen Sinn falsche Dinge einfach nur effizienter zu gestalten.
Seine Grundaussage: Sie bleiben deshalb ja trotzdem trotzdem falsch! Beispiel Energiesparlampe. Es ist schön, dass die ineffizienten Glühbirnen von der EU verboten wurden aber die neuen Energiesparlampen sind voll mit Quecksilber und können Mensch und Umwelt vergiften. Sie sind somit zwar deutlich effizienter aber eben nicht besser. Leuchtet ein, oder?                                                                                                                                                                                                                               
Zurück zur Messe selbst: Hier wurde meiner Meinung nach ein klassischer „Top Down Ansatz“ als Messeansatz gewählt! Das heißt, die österreichische Wirtschaftskammer zeigt mal welche großen Firmen (Porsche, Ökotex, Wiener Öffis usw.) mit (mehr oder weniger) nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen auf dem Markt sind. Geht ja auch kaum anders, denn die Standgebühren für die Messe waren für meinen Geschmack etwas zu gesalzen. Somit war es sicherlich schwer für den ein oder anderen kleineren Akteur sich dort zu präsentieren.
Als Gegenentwurf zu diesem „Top Down Ansatz“, könnte man vielleicht den Heldenmarkt [http://www.heldenmarkt.de] in Berlin nennen, der ein klassischer „Bottom Up Ansatz“ ist. Hier tummeln sich ausschließlich Akteure aus der Nachhaltigkeitsszene, die zwar klein aber doch sehr viel mehr überzeugend erklären können warum sie nachhaltig sind. 
Weitaus überzeugender z.B. als Porsches PR Dame das kann!

Obwohl ich den Aspekt, den mir ein Wiener in einer hitzigen Diskussion zum Thema Porsche sagte durchaus interessant fand: „Die Bonzen fahren Porsche. Wenn die Bonzen Hybrid-Porsche fahren, will das gemeine Volk das auch fahren. Und deshalb muss Porsche hier stehen. So einfach ist das!“ Grundlegende Diskussionen zu alternativen, gänzlich anderen Verkehrskonzepten folgten dann von seiner Seite aus nicht mehr. Sofort hatte ich wieder Braungart im Ohr: „Es bringt nix falsche Sachen effizienter zu machen"... Der Porsche hatte übrigens knapp 400 PS.

Die Diskussion mit der Dame vom Ökotex Label habe ich erst gar nicht angefangen. Der Stand dort war meiner Meinung nach Greenwashing pur und eine Farce. Hier ist nun wirklich nichts grundsätzlich nachhaltig.

Freitag gab´s noch eine Modenschau mit allen aktuellen Missen aus den österreichischen Bundesländern. PR-mäßig natürlich objektiv sehr schöne Bilder (Geschmackssache) für die Labels. Die Modenschau fand leider nur an einem Tag statt. Hier hätte man den kleinen idealistischeren Labels doch eine größere Plattform gewünscht. Vor allem, da sie schon soviel Geld für den Stand ausgeben mussten und dann noch direkt gegenüber vom Ökotex Stand platziert worden sind. Schon ein wenig schräg geplant, oder?

Mein Gesamtfazit: Viel grüner Glamour, ein möglicher Ansatz die Massen zu erreichen aber noch sehr, sehr viel Luft nach oben, was die Glaubwürdigkeit und das Nachvornbringen von 100% nachhaltigen Unternehmen angeht. Ich habe die Tage und die netten Leute in Wien auf  jeden Fall sehr genossen und freue mich auf ein baldiges Wiedersehen (auch ohne die Green Expo ;)). 

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Ein großes DANKE, Enrico!

Ein Nachsatz: Mittlerweile sind weitere Meinungen zur Messe bei mir angekommen. Und sie stimmen mit Enricos Sicht klar überein.

Fazit: 
Die Green Expo ist ausbaufähig, wenn man sich des Themas ehrlich und ernsthaft annimmt. Und nicht große Firmen mit "grünem Mascherl" und  kleine engagierte Labels vermischt. Wenn man in den kleinen Labels nicht nur die Aushängeschilder zum Herzeigen sieht, die Spaßäffchen für die Society, die brav horrende Standpreise zahlen dürfen. Und nur um mir einen Porsche anzusehen, komme ich auf keine grüne Messe! Ein solches Auto ist schon vom Ansatz her unökologisch. Auch wenn er Hybrid oder elektrisch oder sonstwie angetrieben ist. Und Ökotex- das geht gar nicht. Sorry, aber da wurde ordentlich und peinlich gepatzt. 

Ob aus Arroganz der MessemacherInnen oder aus mangelndem Wissen darüber, was wirklich in der kleinen nachhaltigen grünen Szene vorgeht und wer es wert ist, AusstellerIn zu sein, hier bedarf es an  Korrektur.

Tipp: Ehrlichkeit dem Thema gegenüber, grüne Expertinnen als BeraterInnen ins Team holen, ernsthaftes Bemühen an den Tag legen. Respekt vor den (oft kleinen) grünen Firmen, kein Kniefall vor Greenwashing und großen Firmen. Die Leitung, insbesondere der Leiter,  wurde immer wieder negativ erwähnt. Arroganz gegenüber so manchem Aussteller steht als Vorwurf im Raum. Also, liebe MessemacherInnen: Die grüne Szene, egal welcher Bereich, wird von  engagierten Menschen getragen, die oft Besitzer kleiner Unternehmer sind. Diese Szene gehört 
--gefördert und nicht benutzt
--deren Lebensstil und Produkte  gut präsentiert  und der Masse schmackhaft gemacht. 
 Sie haben die Möglichkeiten, die Kontakte und das Können. Gehen Sie ernsthaft mit dem Thema um und schaffen Sie eine ehrliche, transparente Messe. Zu fairen Bedingungen für die Davids dieser Welt.Davon profitieren letzten Endes auch Sie.



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