Niko Paech- Befreiung vom Überfluß- Nachlese

Im November 2011 hatte ich das unverhoffte Glück, Niko Paech im Zug kennen zu lernen. Ich fuhr gerade heim vom Beyond Fashion Summit und Herr Paech hatte zuvor mit Christian Felber auf einem Podium gesessen.

Sein neues Buch "Die Befreiung vom Überfluss" liegt gelesen auf meinem Schreibtisch. Hier nun meine Nachlese(die schräg gestellten Texte stellen Zitate aus dem Buch dar).

Wir leben auf Pump. Wir plündern für unsere Bedürfnisse Ressourcen, selbst in entlegensten Regionen dieser Erde. Und das in gutem Glauben- denken wir doch, dass uns diese im Gegenzug zu unserer geleisteten Arbeit zustehen. Wir haben es uns verdient, meinen wir. Wir haben uns alle Annehmlichkeiten verdient, die uns die Industrie zu bieten hat: I-Phone, Auto, Flachbildfernseher, die schnelle Flugreise, Fast Fashion. Diesem Irrglauben gilt es anzukommen. Tatsache ist, daß 1/4 der Weltbevölkerung auf 3/4 der weltweiten Ressourcen zugreift. Und daß wir keineswegs so viel leisten, wie wir uns aus dem Ressourcentopf herausnehmen.

Bequemlichkeit fordert ihren Preis
Wir wollen uns von allem befreien, das anstrengend , schmerzhaft oder unhygienisch sein könnte- und setzen damit eine monströse Delegationsmaschinerie in Gang, denn auf irgendetwas und irgendwen muss die Drecksarbeit abgewälzt werden.
 
Bequemokratie
Etwa auf Sweatshops in Asien, wo unsere  Kleider genäht und unsere Computer zusammengebaut werden, etc. Weitere Helfer sind unsere "Energiesklaven", wie Paech sie bezeichnet, vom Akkuschrauber, Brotbackautomaten, Billigflieger, Rasenmähertraktor bis zum Smartphone. In einer "Bequemokratie" wie der unseren lassen sich nicht nur anstrengende Arbeiten mühelos delegieren, auch gesellschaftliche Verantwortung lässt sich mit der Einzugsermächtigung bei Greenpeace und der schnellen Unterschrift bei Avaaz oä leicht bewerkstelligen. Vielleicht eines Tages auch vom Flugzeug aus, wie Paech spitz bemerkt. Was dabei systematisch verkümmert, sind nicht nur manuelle Kompetenzen sondern die Kraft der Genügsamkeit. Gleichzeitig beschleicht uns die unangenehme Angst, daß jemand den "Stecker ziehen könnte". Wir hängen am Tropf der Industrie- wie ein Patient im Krankenhaus. Souveränität gewinnt man aber erst durch eigene handfeste Taten. Und nicht, wenn man es sich in einer "wattierten Nonstop- Rundumversorgung" gemütlich gemacht hat.

Hier gehts weiter im Text...

Unser Fortschritt braucht Nachbesserung
Der Bequemlichkeitsfortschritt hat seine Spuren hinterlassen: Bewegungsmangel, Übergewicht, schwindende  körperliche Belastbarkeit,  Verkümmerung handwerklichen Geschicks. "Viele Menschen sehen sich heute nicht mehr in der Lage, Lebensmitteleinkäufe ohne Auto zu tätigen, einen Gehweg zu fegen, Briefe mit der Hand zu schreiben, einfache Reparaturen selbst vorzunehmen oder Gebrauchsgegenstände mit Nachbarn zu teilen- wozu auch?" Wir haben neben dem manuellen Geschick auch das mitmenschliche Gespür verlernt. Wer sich durch sein verdientes Geld unabhängig fühlt, mag oft nicht mehr Gegenstände teilen, die er sich leicht selbst leisten kann- auch wenn man die Bohrmaschine nur 3 Mal im Jahr braucht. Was soll´s ?

Greenwashing
Derzeit verursacht eine Person in Deutschland wie auch in Österreich einen Ausstoss von 11 Tonnen CO2 pro Jahr, global würden uns nur 2,7 Tonnen "zustehen". Angesichts dieser unglaublich großen Diskrepanz mutet die Ansicht, daß man als Konsument nur die richtige Kaufentscheidung treffen muß, lachhaft an. Tatsache ist, daß wir- wenn wir allen ErdenbewohnerInnen gerecht werden wollen- und das wollen wir- unseren ökologischen Fußabdruck um 75 Prozent verkleinern müssen!

Nie wurde so laut von Klimaschutz geredet und so wenig dafür getan. Paech schiebt in der Debatte um Greenwashing keinesfall nur der Industrie den schwarzen Peter zu- es seien vielmehr die KonsumentInnen, die es bräuchten. "Die Strahlkraft nachhaltiger Konsumsymbolik soll das weniger nachhaltige Andere, welches vom selben Individuum praktiziert wird, kaschieren oder kompensieren." Allein, erst in der Summe aller Aktivitäten innerhalb eines persönlichen Lebensstils, lassen sich Rückschlüsse auf die tatsächliche "Nachhaltigkeitsperformance" ziehen. 

Hier ein wenig Teilzeit- Nachhaltigkeit als Zusatz zum ansonsten nicht-nachhaltig geprägten Alltag zu praktizieren, hilft gar nichts. Nicht der viel gefahrene 3-Liter-Wagen, das zu groß dimensionierte Passivhaus mitten im Grünen, der Ökourlaub in ferne Regionen, die Biomilch im Kühlschrank neben der täglichen Ration Fleisch. Die grüne Energie ist ebenso noch als additive Energie zu sehen, die den immer weiter steigenden Energieverbrauch abdeckt- aber noch kein Ersatz für nicht erneuerbare Energie ist- was zeigt, daß hier noch gröbere Denkanstösse nötig sind.(Wer seinen Lebensstil analysieren will, kann dies unter www.footprint.at oder co2online tun.)

Auswege
"Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht."

 Hier einige Vorschläge aus dem Buch:
- 2,7 Tonnen CO2 im Jahr- bedeuten eine Rückkehr zur Sesshaftigkeit. 
Eine globale Mobilität ist ebenso unmöglich wie eine Aneignung von Gütern, 
zu deren Erzeugung entfernt liegende Ressourcenquellen und Flächen ausgeschöpft werden.

- Ein Ja zu Güterproduktion, die wieder in unseren Lebensradius eingebettet ist.

 -Weglassen

- Weniger kaufen 

- Mehr Teilen, Verlässlichkeit und stabiler sozialer Zusammenhalt statt Vereinzelung 

-Tauschen: eigene Leistung wird unabhängig von Geld 


-Konviviale Technologie(nach Ivan Illich), die menschliche Kraft erhält aber nicht ersetzt.

-Mehr Augenmerk auf Instandhaltungsmaßnahmen von industriell und manuell gefertigten Gütern

-Wiedererlangung handwerklicher Fähigkeiten- von Kindesbeinen an

-Unabhängig werden von Fremdversorgung

-Konzentration auf eine überschaubare Anzahl von Optionen (statt permanenter Zeizüberflutung)
sod Zeit und Aufmerksamkeit reichen, um diese Dinge lustvoll genießen zu können
 
Dieses Buch bietet noch viel mehr als meine herausgegriffenen Themenbereiche. Was es meiner Meinung nach vervollständigen würde, wäre ein nachgeliefertes Praxisbuch für alle jene, die jetzt motiviert zur Tat schreiten wollen.Wo sind Initiativen, wo ich mitmachen kann, wie handle ich wieder regionaler, wo finden sich Reparaturbörsen, Zeittauschsysyteme, Regionalwährungen, etc. Es wäre gut, wenn dieses in weniger universitärem Ton geschrieben ist- das ist mein Kritikpunkt am Buch. Ein Buch, das ich sonst wärmstens empfehlen kann. Was mich wieder zur Person Niko Paechs zurückführt, der gerne Räder repariert und lebt, wovon er spricht. Und schreibt.














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