Weniger ist mehr Genuß- aber jetzt...Action!

Heute kreise ich um ein Thema, das mir schon lange unter den Nägeln brennt, das ich selbst versuche in immer mehr Schritten zu leben, das schwierig ist und ganz leicht, das aber- wie ich merke- im öffentlichen Kontext und selbst in der grünen Wirtschaft ziemlich vernachlässigt wird.
Das bewußte JA-Sagen zu weniger Optionen. 

Oder unakttraktiver gesagt: Verzicht zu lernen. Die Tatsache: Unser Lebensstil erzeugt pro Kopf und Jahr 11 Tonnen CO2. "Zustehen" würden uns 2,7 Tonnen CO2.
75 Prozent weniger. Diese Zahl ist erschreckend hoch und jedem und jeder dürfte klar sein, daß es in diesem Fall nicht reicht, eben mal auf Biojoghurt umzusteigen.

Höherer Genuß mit weniger Optionen
Niko Paech hat  in seinem letzten Buch Befreiung vom Überfluss schon gut dargelegt, dass ein sich Konzentrieren und Fokussieren am Ende einfach höheren Genuß bedeutet. Denn was bringt es, sein Leben mit allen erdenklichen Produkten und Aktivitäten vollzustopfen und selbst noch in Nischen einen Programmpunkt hineinpressen zu wollen, wenn sich der Mensch biologisch gesehen  ohnehin nur auf  2 Dinge gleichzeitig konzentrieren kann? Wie geht es zusammen, wenn selbst "grün" denkende Menschen mit den neuesten Smartphones und derlei Spielzeug ausgestattet sind? Und es auch in diesem Bereich eher exotisch anmutet, wenn Herr X mit einem großen Tastentelefon aus älteren Mobilzeiten telefoniert. Das er vielleicht auch noch geschenkt bekommen hat. Weniger ist mehr Genuß, diesen Gedanken müssen nicht nur "gedankenlose" KonsumentInnen sondern auch  "grün und nachhaltig denkende" Menschen leben lernen.

Symbol Luxusauto vor Bioladen( Foto via utopia)
Es hilft wenig, wenn zwar im Bioladen eingekauft , aber gleichzeitig auf nichts verzichtet wird. Biospargel aus Peru, Biopizza aus dem Kühlfach, das große Auto und die Flugreise nach Thailand? Sorry, so geht es nicht. Es kommt auf die Gesamtperformance an, meint Paech. "Teilzeit-nachhaltig"leben zu wollen bringt wenig.

Verzicht vom Verzicht
Harald Welzer hat es  sehr anschaulich formuliert. Daß man- bevor die Rede auf den Verzicht kommt und man sich vor dem Weniger zu fürchten beginnt,, zuerst einmal sehen muß, worauf man einen Gutteil seines Lebens schon verzichtet hat:
Sicherheit auf der Strasse,  Ruhe, Gesundheit, Genießen, Qualität,...all das ist uns abhanden gekommen. Selten kann man einfach so über die Strasse gehen, die Gefahr von einem Auto angefahren zu werden, ist zu groß. Lärm, Abgase, Billigklamotten, Stress im überfordernden Job, all diese Dinge sind ein Bild unserer Zeit- und dieses Bild muß so nicht sein.
Weg von Billig&Schick
Kirsten Brodde hat  in den letzten Tagen als Reaktion auf eine Sendung von Günther Jauch geäußert, daß es wohl noch ein Tabu ist, von einem  Weg von Billig&Schick zu kommen. Und viele Menschen haben darauf reagiert. Ich sehe darin einen tiefgreifenden Wunsch nach einem Weniger. Das muß aber erst gelernt werden.

Theorie und Aktion
Über Weniger ist mehr, der Aufruf zum Konsum-Verzicht, über all das wurde in Büchern viel, in den Print-Medien und im politischen Diskurs wenig gesagt. Wenig Konkretes, viel Theorie. Das kann lähmen. So sehr ich Theorie schätze, so wichtig scheint mir jetzt an diesem Punkt das Aktivwerden.  Aktion ist angesagt. Ein Weniger ist mit Mehr verbunden, nämlich mit mehr Hand-Arbeit und Nachdenken, was man wirklich braucht, was einen wirklich nährt.

Utopische Frage
ein Team und ein Teil davon bin ich- KlimabündnisOÖ
Man stelle sich einfach vor, wie es wäre, wenn es von heute auf morgen keinen Laden mehr gäbe, keinen Onlineshop für die zweitwichtigsten Dinge. Wie viele von uns wären abgrundtief verzweifelt? Ich denke, ziemlich viele.
Keine Kleidung, keine Elektro-Geräte, nichts. Was könnten wir nun selbst schaffen? Diese Vision ist etwas zu krass und unrealistisch- aber stellt euch vor, es gäbe all die Goodies nicht (ich rede nicht von Gemüse und Brot), die unser Leben angeblich schöner machen, die unsere Launen kurz befriedigen- was wäre dann? Würde es uns schlechter gehen? Oder wäre da auf einmal ein riesiger Posten frei, der nicht mit Gold aufzuwiegen ist? Nämlich: Zeit?

Weg vom Konsumieren, hin zum Prosumieren/Zurück zu realen Gegebenheiten:
Engagement besser verteilen:
Ich kenne einige engagierte Menschen, die sich neben ihrem Job noch in Parteien, Verbänden ehrenamtlich engagieren. Sie kämpfen sich alle durchs Leben. Wenn es hier mehr Menschen gibt, die sagen, ich möchte einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten, ich möchte mich konkret bei Projekten engagieren, dann könnte diese Arbeit besser verteilt werden- und die jetzt überengagierten Menschen könnten auch einmal zum Luftholen kommen. Wer sich schon engagiert hat und gesehen hat, wie herausfordernd, anstrengend und beglückend eine Arbeit für die gute Sache ist, wird mir zustimmen können.

ProsumentIn werden:
Was magst Du lernen? Was magst Du können? 
Vielleicht ein Brot backen, eine perfekte Schweißnaht oder die Hose reparieren?
Tomaten ziehen oder Hühner halten? Das Auto stehen lassen und das Rad nehmen? Der Einstieg kann ganz bescheiden sein und kann sich steigern- überfordern sollte man sich nicht, denn allzu schnell kann hier der Punkt kommen, wo man an die "schöne Zeit" zurückdenkt, als man sich alles im Geschäft gekauft hat und man gedankenlos Dinge getan hat, die seinen Fußabdruck unermesslich gesteigert haben.

Frage Dich einfach: Was kann ich? Welche manuelle Fähigkeiten habe ich? Und nutze ich?
Bei mir ist es etwa das Nähen, das Reparieren von Kleidung, Zeichnen, Nähen von Wohndeko und "schöner Kleidung" (wenn ich dazukomme), das Kochen mit Gemüse, Getreide und Multikulti, das Einkochen von Gemüse und Obst, das Gärtnern und das Gestalten eines naturnahen Gartens, Menschen stylen, Hämmern und Schrauben, Sägen von Holz. Malen und Anstreichen, etc

Was würde ich gerne können, weil ich es immer wieder brauche?
Bei mir ist es die Holzverarbeitung. Dazu fehlte mir aber immer die Zeit. Und besser fotografieren.

Was kann ich delegieren? Wo unterstütze ich mit dem Delegieren eine andere Person?
Ich habe mir gestern von einer Freundin einen großen Laib Roggenbrot geholt, den sie für mich gebacken hat. Perfekt, so einen hole ich mir wieder. Eine Bekannte hat alle Torten für meine Hochzeit gebacken.Und und und. Man muß nicht alles können, man braucht einfach ein Netzwerk.

Man muß nicht alles haben. Teilen.
Wir als Konsumgesellschaft sind durch Industrie und perfekte Werbung zu individualisierten Personen geworden, die sich lieber eine Bohrmaschine selbst kaufen anstatt den Nachbarn um seine zu fragen(auch wenn wir sie nur ein paar Mal im Jahr brauchen). Die Liste lässt sich beliebig fortführen. Ich wohne auf dem Land und erlebe dieses Phänomen in verschiedenen Bereichen- braucht jeder Bauer das und das und das Gerät? Braucht er dieses große Auto wirklich? Braucht jeder Reihenhausbesitzer einen Rasenmäher? Und und und. Prestige,  Unabhängigkeit, Zurschaustellen von Reichtum. Es kann aber auch ein tollpatschiger Nachbar sein, dem man seine gute Bohrmaschine eben nicht anvetrauen will.

Die Zukunft geht Richtung Teilen, einem Näherrücken. Davon sind wir als Gesellschaft noch weit entfernt. Mit einem bewußten Stehenbleiben und Zeit zum Nachdenken-Nehmen fängts aber dann schon flott an.










Kommentare

Most read