Berlin Fashion Week- Green Showroom

Die Ethical Fashion Show und der Green Showroom haben es mir letzte Woche leicht gemacht, sie ausgiebig zu besuchen- befanden sich beide am selben Ort, dem Postbahnhof. Hier nun einige Eindrücke und Highlights, die mich beschäftigt haben. Green Showroom:

Modenschau- Elsien Gringhuis
Diese Messe habe ich wie die andere auch für SONIS Laden gesucht, bei welchem ich mitarbeite. Besondere Schnittführung, hochwertige Verarbeitung, eine gewisse Alltagstauglichkeit und schönes Material sind Kriterien für uns. Für mich persönlich darf es dann noch außergewöhnlich und mit ausgeprägter gestalterischer Freiheit sein, tragbare Kunst sozusagen. Während die erste Suche erfolgreich war, tat ich mir bei meinen zweiten Kriterien, den nichtkommerziellen, künstlerischeren schwer. Die teilnehmenden Modelabels zeigten ihr Angebot für den realen Markt.


Elsien Gringhuis
Was nun bei den einen in Richtung Ökochic kippt, in Kunsthandwerk vergangener Tage oder Basisstück im besten Sinne- geht bei den anderen in Richtung Schnittführung und Design. Das Reduzieren der Formen auf wesentliche Linien und Formen beherrscht Elsien Gringhuis perfekt. Keine Naht und kein Detail zuviel, ausgefeilte körperferne Schnittformen, die die Trägerin umspielen. Oberteile, Kleider, Röcke, Hosen, Sweater aus angenehmen Materialien. Ein schlichter, Logodruck Ton in Ton auf einem Sweater(übrigens gedruckt vom Wiener Tom Kaisersberger, besser bekannt unter Guter Stoff). Das preisgekrönte Label produziert die Stücke nach Bestellung. Es waren, wenn ich an die letzten Jahre denke, Labels wie dieses, die mir den puristischen, skandinavisch anmutenden Stil nähergebracht haben. Der erwachsen, durchdacht, unterkühlt und leicht erotisch ist. Auf meine Frage, ob sie mit ihrem Stil denn nicht viele Shops in den skandinavischen Ländern haben müßte, verneinte die Designerin. Dort kleidet man sich lieber in den landeseigenen Labels.
deepmello
deepmello, bekannt für sein Rhabarberleder(das Leder wird mit einem Extrakt der Rhabarberwurzel gegerbt), stellt einen weiteren Vertreter des Green Showroom dar, der aus der Menge heraussticht.
Auch hier sind Neuerungen im Programm zu sehen, die den Weg in neue Läden öffnen sollen. Immer mehr Stoffe wie Leinenstrick oder Seide finden sich in Form von schlichten, weichfallenden Kleidern und Oberteilen im Programm. Das diese Teile kostengünstiger und somit ökonomisch interessanter für Einkäufer als Ergänzung zu den preislich gehobenen Ledertaschen und Kleidungsstücken aus reinem Leder macht. Schön ist die hochwertige Aufmachung aller Stücke von deepmello, egal, ob es sich um die Taschen, Accessoires oder Oberteile handelt.

credit:Carpasus

Neu hier: Das junge Schweizer Label Carpasus bietet schmale, klassisch schöne Männerhemden aus Biobaumwolle, die auch eine jüngere Zielgruppe ansprechen dürften. Der Stoff kommt von Getzner aus Vorarlberg. Dieses Label wird sicher auch bei vielen Damen im Kleiderschrank landen.



nine to five

nine to five aus Hamburg bietet traumhaft gearbeitete Schuhe der Luxusklasse mit schmalen Formen, die stark an vergangene Jahrzehnte erinnerten. Emma Peel kann ich mir in manchen Modellen gut vorstellen. Mir war es zwar zuviel an Farben und Details, hier würde mir ein purer Schuh in einer gut kombinierfähigen Farbe, auch für normalbreite Füße, gefallen. Auch bei den Taschen wären mir etwas weniger Details und weniger feminine Formen lieber. Maskulin ist auch schön :-)
Ein Highlight der Messe, das, so hoffe ich, auch in diesem Rahmen auf genug interessierte EinkäuferInnen gestossen ist. Hier am Bild die sanftere, klassischere Farbstellung.



Green Showroom?
Mittlerweile bin ich im Unklaren, ob der Green Showroom, der einst als edle Präsentationsfläche im Hotel Adlon beginnen hat, noch das richtige Format für die Zukunft ist. Und die luxuriösen, ästhetisch ansprechenden Modelabels bei einer allgemeinen High Fashion Messe nicht besser aufgehoben wären. Auch wenn man gerne in einer grünen Welt arbeiten, ausstellen und verkaufen würde, ist diese Nische zu klein. High Fashion- Geschäfte der grünen Art existieren noch nicht und die passende Zielgruppe ebenso wenig. Diese Messe lebt, wenn die großen konventionellen Modeeinkäufer aus freien Stücken immer wieder kommen, was derzeit noch eher der außergewöhnliche Punkt auf der Tagesordnung und nicht die Regel ist. Gerade im High Fashion Bereich muß man in direkten Wettbewerb mit den großen Namen der konventionellen Branche treten und darauf hoffen, daß auch in diesem hochpreisigen Segment die KonsumentInnen endlich mehr für das Produkt und seine Herstellung bezahlen wollen als nur für den Namen. Dies führt mich wieder zur Frage, ob der Green Showroom das leisten kann.

Idee: Muß er eine klassische Sales-Messe sein und hoffen, daß eben die wichtigen Einkäufer kommen oder darf er Bewusstseinsbildung für eine Branche betreiben, auch auf die Gefahr hin, unrentabel zu sein? Darf er Neuerungen zeigen, unkonventionelle Ansätze, Designerinnen und Designer, die ein Angebot  für ausgesuchte Boutiquen oder Concept Shops bieten. Labels, die hochwertig arbeiten und eben nicht auf eine lässigere, alltäglichere Ethical Fashion Show passen. Labels, die nicht zu groß werden müssen sondern klein und fein bleiben können. Und sich das Abschleifen der eigenen Handschrift hin zu einem kommerziellen Look oder eine einfachere Scnittführung zwecks Produktionserleicherung sparen können. Bei der Modenschau kam mir die Idee, ob Shows, egal bei welcher grünen Messe, nicht auch eine Art Bildungsauftrag erfüllen könnten, indem man bewußt die herausragendsten Labels und somit einen Querschnitt des Möglichen vorstellt und die Auswahl nicht nur durch die jeweilige Finanzkraft und Größe der Labels bestimmt wird. Und im Publikum Einkäufer und Medien sitzen, die sich leichter ein Gesamtbild machen können. Darf eine Messe so etwas?


Blickwinkel
Die Gespräche bei meinen Rundgängen durch beide Messen und danach haben mir gezeigt, wie unterschiedlich Blickwinkel sein können. Für die eine ist alles, was mit Leder zu tun hat, ohne Existenzberechtigung und sollte gestrichen werden, für die andere zählt nur der Streetwearbereich, die Alltagsmode, die wirklich etwas am Konsumverhalten von Otto Normalverbraucher verändern kann. Die teureren Designlabels im Green Showroom stehen für unerschwinglichen Luxus für Menschen mit viel Geld und mehr als einmal wurde die ganze Messe in Frage gestellt. 


Ich persönlich sehe den Zwiespalt zwischen einem künstlerischen, idealistischen, unkommerziellen Ansatz von Kleidung, dem Ansatz, der die letzten Reste vom Modestudium noch hinüberrettet in die Geschäftswelt. Und dem kommerziellen Alltag, der von Kundschaften und MeinungsbildnerInnen bevölkert ist, die in Kleidung wirklich nicht mehr sehen als Kleidung, Ware, Zahlen. Alltag, Ernsthaftigkeit. Mir stellt sich die Frage, ob künstlerischere Ansätze per se in ein Luxuseck geschoben werden dürfen oder ob sie nicht einfach das bleiben dürfen, was sie sind, nämlich seltene Perlen der Mode.



P.S. Interessant fand ich die BesucherInnenbefragung am Eingang, die ich mitmachte. Man wollte  in zahlreichen Fragen wissen, warum man hier war, wegen welcher Messe und welchen Eindruck die Messen auf einen machen. Wird hier die jeweilige Zukunftstauglichkeit der beiden Messen geprüft?
Nun, da allein der Green Showroom einiges an Fragen für mich aufgeworfen hat, gibt es zur Ethical Fashion Show einen eigenen Text.


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